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Restauration eines Volksempfängers

Angeregt durch einen Besuch im Rundfunkmuseum der Stadt Fürth kam ich auf die Idee mir einen Volksempfänger zuzulegen. Im Internet wurde ich auf einen Händler in Ansbach aufmerksam, der alte Radios restauriert und anbietet. Nach einer Kontaktaufnahme wurde mir ein unrestaurierter VE301 Dyn angeboten. Schaltpläne , Bedienungsanleitungen und sonstige Hintergrundinformationen konnte aus dem Internet geholt werden.

Der angebotene VE301 Dyn machte äußerlich einen guten Eindruck. Rückwand und Chassis haben die gleiche Typen- und Hersteller Bezeichnung. Das Gehäuse und die Rückwand waren unbeschädigt und ohne Kratzer. Alle Schalter und Bedienungselemente waren vorhanden und original. Selbst die Anschlussschnur war noch, bis auf den Stecker, original. Die Lautsprecherbespannung war lose beigelegt.

Bevor so ein altes Gerät eingeschaltet werden darf, muss erst mal alles überprüft werden. Nach ca. 60 Jahren sind eventuell die Röhren, Kondensatoren oder sonstige Bauteile nicht mehr brauchbar. Vor allem die alten Elkos könnten ausgetrocknet sein. Weiterhin muss man bedenken, das vor allem während der Kriegszeit, viele Rohstoffe rar waren und deshalb die Qualität der Bauteile nicht optimal war. Die Volksempfänger und auch andere Radios wurden auch nicht für zig Jahrzehnte gebaut. Es ist heutzutage schon sehr schwierig und vor allem sehr teuere Ersatzteile, wie Röhren, zu bekommen. Selbst Hochvolt Elkos sind bereits nicht mehr problemlos zu beschaffen.

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Geschichte

Als erstes wurde das Radio komplett zerlegt. An der Vorderseite wurden die Bedienknöpfe, sowie die Muttern der beiden Schalter entfernt. Besondere Vorsicht ist hier angesagt. Die beiden Muttern sind aus Bakelit und könnten bei Anwendung roher Gewalt zerbrechen. Die Drehknöpfe sind ebenfalls aus Bakelit. Diese sind mit kleinen Madenschrauben auf der Achse befestigt. Auch hier sollte keine Gewalt angewendet werden. Sollten die Schrauben verrostet sein, sollte man sie am besten erst mal mit Caramba oder Waffenöl behandeln. Nach lösen von 4 Schrauben auf der Unterseite des Gehäuses kann das Chassis komplett aus den Gehäuse raus gezogen werden. Danach wurden alle Anschlussdrähte zum Lautsprecher abgelötet, sowie dieser ausgebaut.

Reinigung des Gehäuse - Instandsetzung Lautsprecher

Das Gehäuse besteht aus Bakelit (eine Art Kunststoff). Zur Reinigung habe ich warmes Seifenwasser verwendet. Das Gehäuse habe ich in der Badewanne innen und außen mit warmen Wasser abgeduscht und mit einen Schwamm vorsichtig abgewaschen. Kleinere Kratzer kann man mit einen Schwamm und etwas Autopolitur ganz gut herauspolieren. Nach den Trocknen wurde das Gehäuse mit Möbelpolitur behandelt. Danach glänzte es wieder wie neu. Der Lautsprecherbespannstoff wurde an einer Ecke mit etwas Heißkleber fixiert, gerade gezogen und allen vier Ecken mit Heißkleber festgeklebt. Die Lautsprechermembran hatte sich vom Chassis gelöst. Vorsichtig wurde diese mit Alleskleber wieder festgeklebt. Allerdings muss darauf geachtet werden, das sich die Schwingspule nicht in den Luftspalt verkantet. Also die Membran auf Freigängigkeit überprüfen. Zum fixieren der Membran während des trocknen des Klebers wurde diese mit Wäscheklammern an das Chassis fixiert. Beim Lautsprecher handelt sich um einen dynamischen Typ. Allerdings hat dieser Lautsprecher keinen Dauermagneten. Der Magnetismus wird durch die Siebdrossel erzeugt. Am Laufsprecherchassis ist auch der Ausgangsübertrager befestigt. Die Impedanz des Lautsprechers beträgt 5 Ohm.

Mechanische Instandsetzung

Das Chassis war nahezu rostfrei, so das auf eine Demontage der Bauteile verzichtet werden konnte. Es wurde mit etwas Scheuermilch und einen fusselfreien Lappen gereinigt. Die Glasskala wurde ausgebaut. An einigen Stellen war auf der Rückseite die Farbe abgegangen. Mit einen feinen Pinsel und etwas schwarzer Plakafarbe wurde dieser Schaden behoben. Der Trafokern war etwas angerostet. Mit einen Dremel und einer feinen Messingbürste wurde der Rost entfernt, und der Trafokern mit Waffenöl eingeölt. Der Abstimmkondensator wird indirekt über eine kleine Achse mit Hilfe der Umlenkrolle kraftschlüssig zwischen 2 ringförmigen Federringen angetrieben. Ich reinigte die Lager mit Waffenöl. Trotzdem funktionierte der Antrieb nicht über die kompletten 180 Grad. Grund war die Abnutzung der Umlenkrolle für den Seilzug. Die Distanz der ringförmigen Federringen war zu groß. Einzige Möglichkeit, diese Distanz zu verringern, ist das Chassisblech mit sanfter Gewalt etwas nach unten durchzubiegen. Nach dieser Prozedur funktionierte der Antrieb wieder über die vollen 180 Grad.

Elektrische Instandsetzung

Besonders kritisch sind die beiden 4uF Kondensatoren im Netzteil. Es handelt sich hierbei um Elektrolyt Becherkondensatoren. Die Kondensatoren haben einen Aluminiumbecher als Gehäuse. Am Minuspol sind diese mit einen Gummiartigen Stoff abgedichtet. Dieser wurde mit einen scharfen Messer aufgeschnitten und entfernt. Danach kann man das Innenleben entfernen. Dieses wurde durch einen 4,7uF Elko moderner Bauform ersetzt. Die Hohlräume wurden mit Zellstoff ausgefüllt. Mit Heißkleber wurde der Kondensator neu abgedichtet und schwarzer Farbe angestrichen. Dadurch ist er vom Original fast nicht mehr zu unterscheiden, elektrisch aber völlig neu. Einige Kondensatoren sind mit Teer abgedichtet. Im Backofen auf ca. 75 Grad erwärmen und die Innereien herausziehen. Danach wurden die Innereien durch moderne axiale Kondensatoren mit gleicher Kapazität und Spannungsfestigkeit eingesetzt und wieder mit Teer abgedichtet.

Nach dieser Prozedur wurden alle Anschlussdrähte überprüft. An manchen Stellen war die Isolierung bereits sehr brüchig. Vor allem die Anschlussdrähte zum Lautsprecher, zur Skalenlampe und die Hochspannungsanschlüsse wurden ersetzt. Mit einen Ohmmeter wurde die Schaltung kurz durchgecheckt. Zum ersten Einschalten wurden bis auf die Gleichrichterröhre alle Röhren gezogen und die Spannungszustände durchgemessen. Danach wurde eine kurze Antenne angeschlossen, alle Röhren gesteckt und das Radio ausprobiert. Auf 800kHz konnte der 1. Bayerische Rundfunk klar und deutlich empfangen werden. Chassis und Lautsprecher wurden ins Gehäuse eingebaut. Gehäuse noch mal kurz mit einen fusselfreien Lappen polieren. Fertig.

VE301

Röhrenverstärker mit KT77

Zwei KT77 Röhren in Ultralinearschaltung pro Kanal und 2 BF459 in der Treiber- bzw. Phasenumkehrstufe. Ausgangsleistung ca. 35 Watt pro Kanal bei 450V Anodenspannung. Ursprünglich war die Endstufe mit 2 mal EL34 in Gegentakt AB geschaltet. Da die KT77 bis zu 800 V am Schirmgitter verträgt wurde die Schaltung in Ultralinear geändert.

Technische Daten:

Ausgangsleistung: ca. 35 Watt pro Kanal

Frequenzgang: 20 Hz (-0.2 dB) ...46 kHz (-3 dB)

Ausgangsübertrager: Kern MD74

Das Leuchten der Röhren Alles Chrom Innenansicht (vor dem Umbau) Das Leuchten der Röhren Das Leuchten der Röhren

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Schaltplan gibt's hier

Gehäuse besteht aus 1 mm Stahlblech hochglanzverchromt. Leider auch sehr staubempfindlich. Gewählt wurde als Design der klassische Aufbau Trafo, Drossel und Ausgangsübertrager liegend mit Abdeckhauben wie Ihn auch legendäre Verstärker der Marken Leak, Kebschull usw. verwendet haben. Gekostet haben die Teile 1988 als Bauvorschlag der Zeitschrift ELRAD (Heft 3/1987) ungefähr 1200,- DM. 2006 wurde der Verstärker mit modernen Bauteilen neu aufgebaut. Die Kohleschichtwiderstände wurden gegen Metallschichtwiderstände mit geringen Toleranzen getauscht. Als Koppelkondensatoren wurden MKP Audiokondensatoren der Marke Mundorf verbaut. Die Röhren E34L von JJ wurden gegen JJ KT77 getauscht. Die Gegenkopplungsleitung vom Lautsprecherausgang zur Platine wurde mit abgeschirmten RG58 realisiert. Die Innenverkabelung besteht aus hochwertigen Siliconkabel. Da ich einen Vorverstärker verwende wurde das Lautstärkepoti deaktiviert. Das bringt nochmals eine bessere Kanaltrennung. Der Umbau auf Ultralinear hat 2008 ca. 380,- € gekostet (die Ausgangsübertrager mit RAA 4,3k wurden extra für die KT77 angefertigt). Dafür bekommt man schon einen fertigen Röhrenverstärker "Made in China". Ob so ein "Chinese" auch die gleichen technischen Daten bei voller Ausgangsleistung schafft sei dahingestellt. Von den VDE Bestimmungen ganz zu schweigen.

Warum der ganze Aufwand ? Nach Jahren hatte ich wieder mal Lust den Lötkolben zu schwingen. Der Wiederbeschaffungswert einer solchen Endstufe ist sehr hoch, daher lohnt sich der Aufwand. Bei Ultralinearschaltung erzeugt der Verstärker durch die direkte Gegenkopplung der Ausgangsübertrager auf das Schirmgitter der Endröhren wesentlich weniger Klirr. Durch eine leichte Unsymmetrie (kann über ein Poti eingestellt werden) überwiegen die geradlinigen Verzerrungen (K2) was für das Ohr harmonischer klingt. Durch die besseren Ausgangsübertrager und Ultralinearschaltung hat sich der Bass und die Höhen wesentlich verbessert. Egal ob knallharte Technomusik, Jazz oder Klassik der Klang bereitet mir große Freude.

Betrieben wird die Endstufe über einen Vorverstärker von Restek an Lautsprecher der Marke Infinity RS4000.

Die Lautsprecher Infinity RS4000 wurden 2009/2010 komplett generalüberholt. Die Schaumstoffsicken der Tief- und Mitteltönern wurden ausgetauscht. In den Frequenzweichen wurden die alten Elkos gegen hochwertige MKP Kondensatoren ausgetauscht. Die Lautsprecherterminals wurden auf hochwertige Bananenbuchsen umgebaut. Die Lautsprecher stehen auf Ständern Marke "Eigenbau" und sind komplett vom Fussboden entkoppelt.

RS4000

Weitere Infos über High End Röhrenverstärker und Bausätze gibt es hier http://www.experience-electronics.de/german/index.shtm sowie in diversen Sonderheften aus dem Elektor Verlag (Röhren-Special 1-10, Audio-Special).